Samstag, 15 Uhr, Takeshita-dōri. Zwischen Crêpe-Ständen und Pastell-Schaufenstern läuft ein Mädchen in knielangem schwarzem Rüschenkleid, Plateau-Boots und einem Plüschrucksack mit Fangzähnen. Zwei Meter dahinter ein Typ in Bondage-Hose, Tartan-Rock darüber, Netzshirt, Haare asymmetrisch geschnitten. Keiner dreht sich um. In Berlin-Kreuzberg würde dasselbe Outfit ein Café zum Verstummen bringen. In diesem Abstand zwischen Tokio und dem Rest der Welt liegt der Reiz.
Harajuku Goth Fashion ist die dunkle Seite des Tokioter Straßenstils: Gothic Lolita, Goth Punk, Kawaii Goth, Yami Kawaii und Visual-Kei-Einflüsse, die auf einer schwarzen Basis zusammenlaufen. Anders als westlicher Goth erlaubt der Look einen niedlichen Bruch, ein Plüschtier, einen Pastellton, eine Schleife, und bleibt trotzdem dunkel. Die Grundlagen der Szene stehen in unserem Gothic Fashion Guide. Hier geht es um die Tokio-Variante und darum, wie du sie in Europa trägst.
Bevor es um Hosen, Jacken und Marken geht, braucht es eine saubere Abgrenzung. Harajuku Goth wird im Netz gern als „Gothic Lolita mit Extras“ verkauft. Das greift zu kurz. Der Begriff deckt mehrere Szenen ab, die sich in Tokio jahrzehntelang dieselben Straßen geteilt haben, ohne je dieselbe Garderobe zu tragen.
Definition
Was ist Harajuku Goth Fashion?
Harajuku Fashion ist zunächst nur ein Ort: das Viertel um den Bahnhof Harajuku im Tokioter Bezirk Shibuya, mit der Takeshita-dōri als lauter Hauptader und der Omotesandō als teurer Gegenseite. Seit den späten 70ern treffen sich dort Jugendliche, die sich über Kleidung von ihren Schuluniformen absetzen. Aus diesem Treffpunkt sind Dutzende Stile entstanden, von Decora bis Gyaru. Gothic Fashion dagegen ist ein Vokabular: Schwarz als Grundfarbe, Symbole wie Kreuz und Fledermaus, Spitze, Leder, Netz und eine Silhouette, die aus der britischen Post-Punk-Szene um 1980 stammt.
Harajuku Goth Fashion ist die Schnittmenge aus beidem. Das gotische Vokabular wird auf japanische Art getragen: in Schichten, mit Plateau-Sohle, mit einem bewusst gesetzten niedlichen Element, das in London oder Leipzig als Stilbruch gelten würde. Ein Kreuz neben einer Schleife, Netzstrumpfhose unter einem Plüschrock, eine Bondage-Hose zu einem Bärchen-Rucksack. In Tokio ist das die Regel.
1978
Laforet Harajuku eröffnet
1997
FRUiTS-Erstausgabe
1999
Moi-même-Moitié gegründet
6
Stile unter einem Begriff
Vier Signale tauchen in fast jedem Harajuku-Goth-Outfit auf, egal ob es aus der Lolita-Ecke, der Punk-Ecke oder der Visual-Kei-Ecke kommt. Wer sie kennt, erkennt den Look auf der Straße in zwei Sekunden und kann ihn selbst bauen, ohne ein einziges Teil aus Tokio zu importieren.
- Schwarz als Basis: mindestens drei Viertel des Outfits, oft mehr. Farbe ist Akzent, nie Fläche.
- Plateau-Sohle: Boots, Mary Janes oder Creepers mit vier bis acht Zentimetern. Die Silhouette braucht das Fundament.
- Ein Kawaii-Bruch: Plüsch, Schleife, Pastell oder ein Charakter-Print. Genau eins davon, nicht alle vier.
- Layering in Schichten: Netz unter Shirt, Rock über Hose, Weste über Hoodie. Tokio trägt selten nur eine Ebene.
Die vier Signale erklären auch, warum der Look in Europa oft scheitert: Man kopiert das Kreuz und die Plateau-Boots, vergisst aber die Schichten und den Bruch. Was übrig bleibt, ist gewöhnlicher Mall Goth. Der Weg zurück führt über die Geschichte des Viertels.
Herkunft
Woher kommt Harajuku Goth Fashion? Jingū-Brücke, Laforet und Visual Kei
Drei Orte haben den Look gebaut. Der erste ist die Jingū-Brücke zwischen Bahnhof Harajuku und dem Meiji-Schrein. Von den späten 90ern bis etwa 2010 trafen sich dort sonntags Gothic Lolitas, Visual-Kei-Fans und Cosplayer, um gesehen und fotografiert zu werden. Die Brücke war Laufsteg und Casting zugleich. Der zweite Ort ist das Kaufhaus Laforet Harajuku, eröffnet 1978. In seinen unteren Etagen saßen über Jahre die Marken, die den dunklen Harajuku-Look verkauften, und wer den Look wollte, ging dort in den Keller.
Der dritte Ort ist keine Adresse, sondern eine Bühne. Visual Kei, die japanische Rock-Szene mit Bands wie X Japan, Buck-Tick und Malice Mizer, hat das Make-up, die asymmetrischen Frisuren und die Lack-und-Spitze-Kombination in die Straße getragen. Mana, Gitarrist von Malice Mizer, gründete 1999 das Label Moi-même-Moitié und gab dem eleganten Zweig einen Namen: Elegant Gothic Lolita. Ab 2001 druckte die Gothic & Lolita Bible die Regeln, das Magazin FRUiTS fotografierte ab 1997 die Straße, KERA ab 1998 die Punk-Seite. Der Look war damit vollständig dokumentiert, bevor das Internet ihn exportierte.
Der Export lief über Umwege. 2004 brachte Gwen Stefani ihre „Harajuku Girls“ auf westliche Bühnen, kurz darauf entdeckten Tumblr und LiveJournal die Gothic-Lolita-Communities, und um 2012 entstand daraus im Westen Pastel Goth. Die Straße in Tokio hatte sich da schon weitergedreht. Wer die ganze Landkarte der Harajuku-Szenen sehen will, findet sie in unserem Überblick der Subkulturen.
Aus dieser Geschichte sind sechs Stile hervorgegangen, die heute alle unter Harajuku Goth Fashion laufen. Sie teilen die vier Signale von oben, unterscheiden sich aber in Silhouette, Lautstärke und darin, wie viel Niedlichkeit sie zulassen.
Archetypen
Die 6 Stile der Harajuku Goth Fashion
Die Reihenfolge geht von formell bis roh. Gothic Lolita ist die strengste Form mit klaren Regeln für Rocklänge und Petticoat. Goth Punk und Visual Kei Street sind die lautesten. Kawaii Goth und Yami Kawaii Goth sind die jüngsten und arbeiten am stärksten mit dem Bruch. Dark Layering ist der stille Zweig, der aus der japanischen Avantgarde-Mode kommt und in Berlin am leichtesten durchgeht.
In der Praxis mischen die wenigsten Leute in Tokio nur einen Stil. Ein Gothic-Lolita-Rock landet über einer Bondage-Hose, ein Yami-Kawaii-Print auf einem Goth-Punk-Shirt. Die Regel lautet: ein Hauptstil, maximal ein Gastauftritt. Der Goth-Punk-Zweig ist dabei der beste Einstieg, weil er am nächsten an dem liegt, was europäische Schränke ohnehin hergeben.
Goth Punk
Punk Gothic Harajuku Fashion: Der Takeshita-Code
Punk Gothic Harajuku Fashion ist der Zweig, den man auf der Takeshita-dōri am häufigsten sieht, weil die Läden dafür direkt an der Straße liegen. Die Formel: schwarze Skinny- oder Bondage-Hose mit Straps, ein Tartan-Element in Rot oder Grau, ein zerrissenes oder bedrucktes Shirt, darüber Netz oder eine Weste mit Nieten. Dazu Creepers oder Plateau-Boots und ein Choker mit Ring. Der Unterschied zum Londoner Punk der 70er liegt in der Sauberkeit: In Tokio sind die Risse geplant, die Nieten gerade gesetzt, die Haare frisch gefärbt.
Das Oberteil trägt in diesem Stil die meiste Aussage. Ein Shirt mit Yin-Yang-Print oder asymmetrischem Schnitt ersetzt das Band-Shirt und funktioniert auch für Leute, die keine Band tragen wollen, deren Diskografie sie nicht kennen. Wichtig ist der Bruch im Stoff: Washed-Optik, Distressed-Kanten, eine Schulter frei. Ein glattes schwarzes Basic-Shirt ist in Harajuku Goth die Ausnahme, nicht die Basis.
Wer den Punk-Zweig trägt, sollte die Symbole klein halten. Ein Sicherheitsnadel-Detail oder ein einzelner Print reicht, weil die Hose und die Schuhe schon laut genug sind. Die Verwandtschaft zu Visual Kei zeigt sich vor allem oberhalb des Halses: Eyeliner, ein farbiger Pony, ein Ohrring mit Kette. Der nächste Stil dreht die Lautstärke nicht runter, sondern in eine andere Richtung.
Kawaii Goth
Kawaii Goth: Wie Niedlich und Schwarz zusammenpassen
Kawaii Goth ist der Stil, an dem sich die westliche Goth-Szene am längsten gerieben hat. Die Idee ist einfach: Ein Outfit bleibt zu drei Vierteln schwarz und dunkel, ein einzelnes Element ist bewusst niedlich. In Tokio heißt das Prinzip Kimo-kawaii, „eklig-niedlich“, und es steckt in Figuren wie Gloomy Bear, dem rosa Bären mit Blut an den Krallen. Das Blut macht den Bären nicht weniger niedlich. Der Kontrast macht ihn niedlicher. So arbeitet der ganze Look.
Praktisch heißt das: schwarzer Hoodie mit Plüsch-Hörnern, dazu Camo-Cargo und Choker. Oder ein schwarzes Kleid mit einem Rucksack in Form eines Tiers mit Zähnen. Oder eine Fuzzy-Cap mit Teufelshörnern über einem sonst strengen Goth-Punk-Outfit. Die Grenze zu Pastel Goth verläuft an der Fläche: Sobald Rosa oder Lila mehr Platz einnehmen als Schwarz, bist du auf der anderen Seite. Kawaii Goth bleibt in der Fläche Goth, in einem Detail Kawaii.
Für Männer funktioniert Kawaii Goth über Plüsch-Details an Caps, Hoodies und Keychains, nicht über Röcke. Für Frauen läuft der Bruch oft über die Tasche oder die Strumpfhose. In beiden Fällen gilt: Der niedliche Teil sollte sichtbar Teil des Outfits sein, kein Zufall. Ein Sanrio-Anhänger an einem sonst beliebigen Outfit ist Alltag, kein Kawaii Goth. Die jüngste Variante dieses Prinzips hat das Niedliche noch einmal härter gemacht.
Yami Kawaii
Yami Kawaii Goth und Jirai Kei: Die dunkle Cute-Welle seit 2016
Yami Kawaii heißt wörtlich „krank-niedlich“. Der Stil entstand um 2015 aus der Manga-Figur Menhera-chan des Zeichners Ezaki Bisuko und wurde ab 2016 auf der Takeshita-dōri sichtbar: Pastellrosa und Hellblau gegen Schwarz, dazu Motive aus dem Krankenhaus wie Spritzen, Pillen, Bandagen und Pflaster. Yami Kawaii Goth ist die dunkle Version davon. Rosa wird auf ein Teil reduziert, der Rest bleibt schwarz, die Motive kommen als Print oder Stickerei, nicht als Requisite. Der Stil spricht offen über psychische Gesundheit, und das ist in Japan ein größerer Schritt als in Berlin.
Seit etwa 2020 hat sich daraus Jirai Kei entwickelt, „Landminen-Stil“, mit Schwarz und Rosa als festem Farbpaar, Schleifen, Plateau-Mary-Janes und einem Make-up mit roten Lidschatten unter den Augen. Jirai Kei wird eher in Shinjuku als in Harajuku getragen, gehört aber zur selben Familie: dunkel, niedlich, mit einer Geschichte, die nicht nur schön ist. Wer den Look tragen will, sollte die Geschichte kennen und respektieren, sonst wird aus der Aussage ein Kostüm.
Die Farblogik von Yami Kawaii lässt sich auf jeden der sechs Stile übertragen: ein Akzent, drei dunkle Teile. Wer damit klarkommt, hat die halbe Arbeit erledigt. Die andere Hälfte ist Silhouette, und die beginnt bei der Hose.
Hosen & Röcke
Hosen und Röcke: Die Silhouette der Harajuku Goth Fashion
Harajuku entscheidet Silhouetten von unten. Die Regel aus den Takeaways gilt hier wörtlich: Volumen entweder oben oder unten, nie beides. Wer einen weiten Cargo oder einen Petticoat-Rock trägt, hält das Oberteil schmal. Wer oben mit Oversized-Hoodie und Weste arbeitet, nimmt unten eine schmale Bondage-Hose oder Shorts über Strumpfhose. Shorts über gemusterter oder zerrissener Strumpfhose sind dabei die Harajuku-Signatur schlechthin, im Winter mit Fellstiefeln, im Sommer mit Plateau-Sandalen.
Die Hose selbst trägt in Tokio fast immer Hardware: Ketten an der Seite, Nieten am Bund, ein Kanji-Print oder ein Tribal-Stich auf dem Denim. Schwarz oder dunkles Washed-Grau sind die Farben, Bordeaux die einzige erlaubte Ausnahme im Punk-Zweig. Jorts und Cargo-Shorts haben den Tartan-Rock in den letzten Jahren als Alltagsteil abgelöst, weil sie sich über Strumpfhose genauso schichten lassen und in der U-Bahn weniger Fragen auslösen.
Beim Rock gilt für Gothic Lolita die Knielänge als Pflicht, für alle anderen Stile ist der Mini über Hose oder Strumpfhose die häufigere Wahl. Ein Tartan-Mini über schwarzer Skinny ist die kürzeste Formel für Goth Punk, ein schwarzer Tüllrock über Bondage-Hose die für Visual Kei Street. Was in beiden Fällen fehlt: die Erwartung, dass ein Rock allein getragen wird. Darin steckt die Denkweise des ganzen Looks.
Der Satz erklärt auch die Reihenfolge beim Anziehen. Erst die schwarze Basis aus Hose oder Rock und Oberteil, dann die Schichten, dann die Plateau-Schuhe, dann der Akzent. Wer mit dem Akzent anfängt und das Outfit darum herum baut, landet fast immer bei einem Kostüm. Die Schichten selbst sind das Thema der nächsten Sektion.
Jacken & Layering
Jacken und Layering: Schichten wie in Tokio
Tokio schichtet aus Gewohnheit, nicht aus Kälte. Die Klimaanlagen in Zügen und Kaufhäusern laufen kalt, draußen ist es im Sommer schwül, also trägt man Teile, die sich abnehmen lassen. Für Harajuku Goth Fashion ergibt das eine feste Reihenfolge: Netz oder Longsleeve unten, Shirt oder Kleid darüber, dann eine Weste, ein Cropped-Jacket oder ein Mesh-Layer, außen im Winter ein langer Mantel oder eine Fuzzy-Jacke. Jede Schicht ist kürzer oder länger als die darunter, nie gleich lang.
Die Jacke ist im dunklen Harajuku-Look selten die Statement-Ebene, aber die Ebene mit der interessantesten Textur: Skelett-Mesh, Fell, Lack, gewaschenes Leder. Cropped-Schnitte betonen die Schichten darunter, lange Schnitte verdecken sie und machen den Look erwachsener. Für die kalten Monate in Berlin oder Poznań empfiehlt sich die zweite Variante, mit einem Mesh-Layer als Erinnerung daran, wo der Look herkommt.
Wie sich das in Bewegung anfühlt, zeigt der Clip: ein zweiteiliges Denim-Set in Schwarz, Hardware an den richtigen Stellen, drei Schichten, eine Farbe. Kein Rock, kein Plüsch, und trotzdem lesbar als Teil derselben Familie, weil Silhouette und Layering stimmen.
Der Clip zeigt auch, was viele beim Layering falsch machen: Sie stapeln drei gleich lange Teile und wundern sich, dass alles wie ein Block wirkt. Länge staffeln, Texturen wechseln, eine Schicht offen tragen. Dann funktioniert die Formel mit Teilen aus jedem Schrank. Welche Marken sie in Tokio ursprünglich gebaut haben, kommt jetzt.
Brands
Harajuku Goth Brands und Shops: Wer den Look wirklich macht
Die Frage nach asiatischen Streetwear-Brands hat für den dunklen Harajuku-Look eine kurze Antwort: Es sind kleine Tokioter Labels, die meist nie außerhalb Japans verkauft haben, und ein paar internationale Shops, die den Look nach Europa gebracht haben. Wer in Tokio sucht, geht in den Keller von Laforet Harajuku, läuft die Takeshita-dōri ab und schaut bei Closet Child vorbei, dem Second-Hand-Laden, in dem Lolita- und Visual-Kei-Teile den Besitzer wechseln.
- h.NAOTO: Gothic Punk aus Tokio, seit 2000. Rüschen auf Nieten, mehrere Sub-Linien für jede Härte von Lolita bis Punk.
- Moi-même-Moitié: Manas Label, 1999 gegründet. Hat Elegant Gothic Lolita und Elegant Gothic Aristocrat definiert, mit Kreuz und Fledermaus als Markenzeichen.
- Sex Pot ReVeNGe: die Punk-Adresse an der Takeshita-dōri. Tartan, Bondage-Straps, laute Prints, Creepers.
- Algonquins: Punk trifft Lolita. Viel Schwarz-Rot, viele Schnallen, Rock über Hose gehört zum Repertoire.
- Listen Flavor und ACDC RAG: die Kawaii-Punk-Ecke. Plüsch, Charakter-Prints, Pastell gegen Schwarz.
- Punk Rave und Killstar: keine Harajuku-Marken, aber die Shops, über die der Look in Europa meist ankommt. Mehr dazu in unserem Punk-Rave-Artikel.
Die Tokioter Labels sind für Europäer schwer zu bekommen: kleine Auflagen, japanische Größen, Versand nur über Proxy-Dienste. Deshalb baut sich der Look hier fast immer aus Teilen zusammen, die dem Vokabular folgen, ohne das Original-Etikett zu tragen. Unsere Collections sortieren genau danach, nach Piece-Typ statt nach Marke, damit du die Formel Schicht für Schicht zusammensetzen kannst.
Egal aus welchem Shop die Teile kommen: Erkennbar wird der Look erst durch das, was am Körper hängt, klemmt und klappert. Accessoires machen in Harajuku Goth Fashion den Unterschied zwischen „schwarz angezogen“ und „Tokio verstanden“.
Accessoires
Accessoires: Choker, Plüsch, Kreuz und Plateau
Vier Zonen, vier Entscheidungen. Am Hals sitzt ein Choker, mit Ring im Punk-Zweig, mit Spitze bei Lolita, mit Schleife bei Kawaii Goth. Auf dem Kopf eine Cap mit Kreuz oder Distressed-Denim, ein Haarreif mit Hörnern oder gar nichts, wenn die Frisur die Arbeit macht. An der Hüfte ein Gürtel mit Kreuz-Schnalle oder eine Kette, die von der Gürtelschlaufe zur Tasche läuft. Und unten Plateau, in jeder Variante von Mary Jane bis Boot. Die Sohle ist das einzige Accessoire, an dem nicht gespart werden darf.
Der Fehler, den fast alle machen: alle vier Zonen gleichzeitig laut besetzen. Ein Kreuz-Gürtel neben einer Kreuz-Cap neben einem Kreuz-Choker ist Tapete. Zwei Zonen laut, zwei ruhig, und die Symbole sollten zueinander passen. Kreuz und Fledermaus kennen sich. Kreuz und Pentagramm sind zwei Szenen. Kreuz und Sanrio sind Kawaii Goth, aber nur mit einem von beiden als Hauptfigur.
Oberhalb des Halses beginnt das Gebiet, in dem Harajuku Goth und Visual Kei kaum zu trennen sind: Eyeliner bei Männern, farbige Kontaktlinsen, ein Pony, der ein Auge verdeckt. Wer wissen will, wie tief die Verwandtschaft reicht, liest den Visual-Kei-Artikel. Dort stehen die sechs Bühnenstile, aus denen die Straße sich bedient hat.
Mit Basis, Schichten und Accessoires ist der Look komplett. Bleibt die Frage, die uns am häufigsten erreicht: Wie trägt man das in einer Stadt, in der Samstagnachmittag nicht auf der Takeshita-dōri stattfindet?
Alltag
Harajuku Goth Fashion im Alltag: Berlin statt Takeshita
Die kurze Antwort: Der volle Look ist in Europa ein Wochenend-Look, und das ist in Tokio nicht anders. Auch dort tragen die wenigsten unter der Woche Petticoat oder Bondage-Hose ins Büro. Der Alltag läuft über Dark Layering, den sechsten Stil: schwarze weite Hose, zwei Schichten oben, Plateau-Sohle, ein einziges Signal. Ein Kanji-Print, ein Choker, eine Cap mit Kreuz. Wer das trägt, ist in Berlin-Neukölln unauffällig und in Poznań höchstens interessant.
Für Frauen ist der Übergang vom Alltag zum vollen Look meistens der Rock: unter der Woche Shorts über Strumpfhose, am Wochenende Tüll oder Tartan darüber. Für Männer ist es die Hose: unter der Woche Cargo mit Kette, am Wochenende Bondage-Straps und Tartan-Element. In beiden Fällen bleibt die Basis identisch. Das hält den Look bezahlbar. Ein Schrank, zwei Lautstärken.
Was im Clip fehlt und am Wochenende dazukommt, ist der Bruch: das Plüsch-Detail, die Schleife, der Charakter-Print. Wer das im Alltag weglässt, trägt einen schwarzen Layering-Look, der auch als Anime-Goth durchgeht. Die Grenze zwischen beiden ist dünn, und wir haben sie in einem eigenen Artikel gezogen.
Bevor es um den Einkauf geht, lohnt sich ein Blick auf die Fehler, die den Look am häufigsten kippen lassen. Die meisten davon passieren aus Übereifer: zu viel auf einmal, zu wenig Basis.
Fehler
Die häufigsten Fehler bei Harajuku Goth Fashion
Fünf Muster tauchen immer wieder auf, in Tokio bei Touristen, in Berlin bei Einsteigern. Keines davon ist ein Geschmacksfehler. Es sind Strukturfehler, und sie lassen sich mit einer Regel pro Punkt beheben.
Wer diese fünf Punkte im Kopf hat, braucht keine weitere Regel. Der Rest ist Übung und die Bereitschaft, ein Outfit auch mal eine Woche zu tragen, bevor man es beurteilt. Bleibt die Frage, wo die Teile herkommen sollen.
Kaufen
Harajuku Goth Fashion kaufen: Worauf es bei Shops ankommt
Drei Dinge entscheiden, ob ein Shop für den Look taugt. Erstens die Schnitte: Harajuku lebt von Cropped, Oversized und Asymmetrie, nicht von Regular Fit. Zweitens die Textur: Washed, Distressed, Mesh, Fell, Lack. Ein Shop, dessen Schwarz nur aus glatter Baumwolle besteht, liefert Basics, keinen Look. Drittens die Hardware: Ketten, Nieten, Schnallen, die halten. Billige Metallteile sind das Erste, was an einem Harajuku-Goth-Outfit kaputtgeht.
Bei uns kommt dazu, dass die Stücke in kleinen Auflagen laufen. Für diesen Look ist das die Voraussetzung: Wer auf der Takeshita-dōri fotografiert wird, trägt selten etwas, das drei Leute im selben Waggon auch anhaben. Für den Einstieg reichen zwei Teile, ein Oberteil mit Bruch und eine Jacke mit Textur. Der Rest steht wahrscheinlich schon im Schrank.
Ein paar Fragen bleiben nach jedem Gespräch über den Look offen, meistens zu Abgrenzung und Herkunft. Die häufigsten haben wir hier gesammelt und kurz beantwortet.
FAQ
Häufig gestellte Fragen zu Harajuku Goth Fashion
Fünf Fragen, die uns zu Harajuku Goth Fashion am häufigsten erreichen, von der Abgrenzung zu Gothic Lolita bis zur Frage, was in Tokio gerade wirklich getragen wird.
Ist Harajuku Goth Fashion dasselbe wie Gothic Lolita?
Was ist japanische Avantgarde-Mode, und gehört sie zu Harajuku Goth?
Welche asiatischen Streetwear-Brands machen Harajuku Goth Fashion?
Was bedeutet Yami Kawaii Goth wörtlich?
Welche Streetwear-Richtung ist in Harajuku gerade angesagt?
Damit ist der Rahmen gesetzt: Schwarz als Basis, Plateau als Fundament, Schichten als Methode, ein niedlicher Bruch als Unterschrift. Was davon du wie laut trägst, entscheidet dein Alltag, nicht die Takeshita-dōri.
Was meinst du?
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Über den Autor
Philipp Fuge — Founder · Berlin
Founder von Fūga Studios. Schreibt das Journal selbst. Berlin · Shanghai · Tokyo · Poznań — vier Städte, eine Logik.





























